Eine dynamische Skulptur aus 60.000 Bällen im Ruhrgebiet

In den Jahren 2000 bis 2006 realisierte Wolfgang Hanfstein soziologisch/künstlerische Projekte wie „Kommen und Gehen“ (Akademie der Künste, Berlin 2002) und 1.000 Bälle auf dem Gustaf-Gründgens-Platz (Düsseldorf 2004). Bekannt wurde vor allem das Großprojekt Entropie 06/06, das er im Juni 2006 im Ruhrgebiet inszenierte.

 

Entropie 06/06 Dokumentation. 6 Tage. 6 Städte. 60.000 Bälle.

Entropie 06/06 Zeitraffer. 6 Tage. 6 Städte. 60.000 Bälle.

Futter für den homo ludens

VON REGINE MÜLLER

Was passiert, wenn Menschen in einer alltäglichen öffentlichen Situation mit etwas gänzlich Unerwartetem konfrontiert werden? Wenn Samstagmorgens um zehn in der Fußgängerzone plötzlich ein Meer von 10.000 himmelblauen Bällen liegt?

Die Passanten sind zuerst vorsichtig, misstrauisch. Man schaut sich um, aber da ist kein Infostand, kein verstecktes Fernsehteam, kein Animateur, kein Pädagoge, kein Handzettel, nichts. Die Bälle liegen einfach kommentarlos da. Die Vorsicht weicht dem Lächeln. Die Kinder fangen an. Springen rein in die Bälle, jauchzen, krabbeln. Dann die ersten Herren: fangen an zu kicken, dribbeln, werfen. Das ist ansteckend, auch coole Teens schieben nun lässig die blau, so blauen Bälle hin und her. Der Funke springt schnell über, bald haben alle irgendwas zu tun mit den Bällen. Samstags-Papis führen Kunststücke vor, Mamis und Tanten unterbrechen die Großeinkäufe, Kinderwagen kommen zum Einsatz, sogar Krücken haschen nach den Bällen. Im Nu sind Shopping-Hektik und Konsum-Imperativ außer Kraft gesetzt, für kurze Zeit kann man das Glück völlig zweckfreien Spiels beobachten. Eine brasilianische Truppe taucht auf, nun wird gezaubert, wildfremde Menschen spielen sich Bälle zu. Homo ludens – der spielende Mensch. Dann formieren sich Gruppen, es wird organisiert. Kinder schleppen Tüten an, stopfen Bälle hinein, erst zaghaft, dann triumphierend. So ein Glück, wie beim Karneval die Kamellen, alles umsonst! Omis zerren schnell aus zierlichen Handtäschlein in erstaunlich großer Zahl die gefürchteten Stoffbeutel und lassen Bälle verschwinden. Für die Enkel, natürlich. Homo oeconomicus – der Mensch sucht eben immer auch seinen persönlichen Nutzen.

Am Ende geht alles ganz schnell. Immer noch gibt es Spieler, aber die Sammler werden mehr. Das Phänomen verläuft in Wellen. Am frühen Mittag ist der Spuk vorbei, kein Ball mehr da. Dann ist ein Teil von Wolfgang Hanfsteins dynamischer Skulptur restlos aufgelöst und verschwendet worden. „Entropie“ nennt er das Kunstwerk nach dem zweiten Hauptsatz der Thermodynamik, der das Streben von geordneten Strukturen zum Chaos hin beschreibt, und den Woody Allen so lakonisch verknappte: „Früher oder später wird alles zu Scheiße“. In den Fußgängerzonen geht’s dennoch um Kunst.

Wolfgang Hanfstein, der zuletzt im Düsseldorfer Schauspielhaus für Kommunikation zuständig war, will mit diesem gigantischen Projekt spielerische Verschwendung mit dem Prinzip der allgegenwärtigen Ökonomie konfrontieren, will zum Spiel einladen und verblüffen. Die Dynamik der „Skulptur“, will sagen, der Prozess ihrer Auflösung ist ganz der Energie der Menschen überlassen, die sie „bespielen“. Es gibt kein Eingreifen seitens der Verursacher, keine Eröffnung, keine Regeln und Verbote. Das freie Spiel der Kräfte wird zugleich zum sozialen Experiment.

taz NRW Nr. 8001 vom 21.6.2006

Mit freundlicher Genehmigung der taz NRW

 

Aus dem Vorwort der Fotodokumentation „Entropie 06/06“

Völlig unvorbereitet treffen im Juni/Juli 2006 Menschen im Ruhrgebiet auf ein Meer von blauen Bällen. Mitten in der Innenstadt das eine Mal, verborgen in einem Park das andere Mal. Die Skulptur war nicht angekündigt, wird nirgendwo erklärt, es gibt weder Handlungsanweisungen noch Animateure. Jeder und jedem steht es frei zu handeln.

Die Idee zu „Entropie 06/06“ ging mir vor fast vier Jahren zum ersten Mal durch den Kopf. Ich stand damals, an einem Samstag, mitten auf Deutschlands umsatzstärkster Einkaufsmeile, auf der Zeil in Frankfurt am Main. Um mich herum tausende von Menschen mit dem einzigen Ziel, aus dem riesigen Warenangebot irgendetwas auszuwählen und zu kaufen. Mitten in diese Situation etwas Überraschendes zu platzieren, etwas, womit das universelle Tauschmittel Geld außer Kraft gesetzt wird, etwas, das die Handlungs- und Denkroutinen durcheinander bringen würde, schien mir reizvoll.

Ich suchte ein absolut reduziertes „Ding“ mit klarer, universaler Aussage. Was lag da näher als ein Ball. Ein Ball ist die demokratischste aller Formen. Kein Punkt ist über den anderen erhaben. Und ein Ball steht, wie kaum ein Gegenstand sonst, eindeutig für Interaktion und Spiel – und zwar generationen- und kulturenübergreifend. Ich hatte das Glück, in kleiner Form mit Bällen experimentieren zu können. Im Sommer 2004 war Heike Schwalm vom Düsseldorfer Stadtplanungsamt auf der Suche nach Ideen zur temporären Gestaltung öffentlicher Plätze. Ich schlug ihr vor, gemeinsam mit dem Kinder- und Jugendtheater ein Spiel mit 1.000 Bällen zu veranstalten. Sie willigte ein, das Experiment glückte. Es zeigte aber auch, dass für „Entropie“ viel mehr als 1.000 Bälle nötig sein würden. Ich begann, Entropie als groß angelegte Aktion mit jeweils 10.000 blauen Bällen an mehreren Plätzen zu planen. Nach eingehenden Recherchen war ich entschlossen, die Aktion auf das Ruhrgebiet zu konzentrieren – auf eine Region, die mit ihrer sozialen, kulturellen und städtebaulichen Vielfalt die unterschiedlichsten „Settings“ ermöglichte. Es vergingen fast zwei Jahre und viele Gespräche mit möglichen Sponsoren und Förderern bis ich im Winter 2005 ans Aufgeben dachte.

Es war Dr. Theo Horstmann, Leiter der RWE Unternehmenskommunikation, der nach einem kurzen Gespräch Interesse zeigte und innerhalb von 14 Tagen zusagte, das Projekt zu fördern. Er stellte dabei keinerlei Bedingungen in Bezug auf die Gestaltung der Aktion und sicherte mir gleichzeitig alle Unterstützung zu. Es waren am Ende viele Menschen am Gelingen des Projekts beteiligt. Stellvertretend möchte ich noch zwei erwähnen: Martin Sander, ebenfalls RWE, der in Rekordzeit 60.000 blaue Bälle beschafft hat. Und Claudia Ponzlet von der Agentur TAS, die dafür verantwortlich war, dass die Bälle zur rechten Zeit am richtigen Platz waren.

Ich freue mich, dass die Idee, die mir vor Jahren durch den Kopf ging, Realität wurde. „Entropie 06/06“ hat für kurze Zeit das ökonomische Prinzip aufgehoben, hat öffentliche Plätze mit Leben gefüllt und einen Horizont jenseits des Nützlichen und Rationalen aufscheinen lassen. Viele Momente waren im schönsten Sinne verrückt – oder eben einfach balla-balla.

(Wolfgang Hanfstein)

 

Weiterführende Informationen

Zu Entropie 06/06 ist ein begleitender Fotoband mit Fotos von Gregor Schläger erschienen (160 Seiten vierfarbig mit DVD): Titel: Eine dynamische Skulptur im Ruhrgebiet. Entrope 06/06. Von Wolfgang Hanfstein. Fotografiert von Gregor Schläger, Essen 2006, ISBN 3-89861-717-3

Suche